SIRT

Was ist SIRT?
SIRT steht für Selektive Interne Radio- Therapie und stellt bei Patienten, bei denen eine Operation nicht in Frage kommt und /oder sich eine Chemotherapie als unwirksam erwiesen hat, eine innovative Form der Strahlenbehandlung von Lebertumoren oder Lebermetastasen dar. Das Verfahren wird im Universitätsklinikum Bonn gemeinsam durch die Radiologische Klinik und die Klinik für Nukleramedizin durchgeführt.

Wie funktioniert SIRT?
SIRT ist eine minimal invasive Therapie. Nach örtlicher Betäubung der Leiste wird über die Leistenarterie unter Röntgenkontrolle ein dünner Schlauch (Katheter) in der Leberarterie positioniert. Über den Kathteter werden kleine radioaktive Kügelchen (Mikrosphären, SIRT Partikel), die lediglich einen Durchmesser von ca. 40 µm (ca ⅓ eines menschlichen Kopfhaares) aufweisen, in die Tumorgefäße gespritzt. Die SIRT Partikel bleiben dann im gut durchbluteten Tumorgewebe in den kleinsten Tumorgefässen (im sog. Kapillarbett) stecken. Dies führt zum einen zu einer Reduktion der Blutversorgung des Tumors, zusätzlich gibt die in den SIRT Partikeln enthaltene radioaktive Substanz Yttrium-90 über mehrere Tage hinweg (Halbwertzeit ca. 64 Stunden) Strahlung ab. Hierbei handelt es um Beta-Strahlung, d.h. Strahlung mit einer sehr hohen lokalen Wirkung jedoch einer begrenzten Reichweite von nur ca. 1cm. Dies führt zu einer maximalen Strahlenwirkung im Tumor unter Schonung der umliegenden gesunden Leberanteile. Die SIRT Therapie macht sich dabei eine Besonderheit der Blutgefäßversorgung der Leber zu Eigen. Die Leber erhält zum einen nährstoffreiches Blut aus der Leberarterie und zum anderen aus der Lebervene (Pfortader). Gesundes Lebergewebe erhält sein nährstoffreiches Blut hauptsächlich aus der Pfortader. Tumorgewebe wird jedoch hauptsächlich aus der Leberarterie mit Blut versorgt. Dies hat den Vorteil, dass die Gabe der SIRT Partikel in die Leberarterie hauptsächlich zu einer Anreicherung im Tumorgewebe und nicht im gesunden Lebergewebe (dies erhält ja das Blut hauptsächlich aus der Pfortader) führt.

Warum kann ich keine „normale“ Strahlentherapie erhalten?
Die Strahlentherapie ist bei bestimmten Tumorformen ein effektives und anerkanntes Therapieverfahren zur Krebsbehandlung. Strahlung schädigt jedoch nicht nur Tumorgewebe, sondern immer auch gesundes menschliches Gewebe. Lebergewebe zählt zu den besonders strahlenempfindlichen Geweben des menschlichen Körpers, d.h. die für eine ausreichende Lebertumor-/Lebermetastasenbehandlung hohen Strahlendosen würden auch zu einer deutlichen Schädigung des normalen Lebergewebes führen mit den Folgen z.B. eines Leberversagens. Daher sind die Möglichkeiten der klassischen Strahlentherapie bei Lebertumoren oder Lebermetastasen deutlich eingeschränkt.

Bei welchen Tumorarten kann SIRT eingesetzt werden?
Derzeit ist anhand wissenschaftlicher Studien der Therapieerfolg der SIRT Therapie insbesondere für folgende Tumorarten in der Leber nachgewiesen: 

            Hepatozelluläres Karzinom
            Lebermetastasen eines Kolorektalen Karzinoms
            Lebermetastasen eines Mammakarzinoms 
            Lebermetastasen Neuroendokriner Tumoren

Darüber hinaus gibt es weitere Tumoren (z.B. Gallengangskarzinom, Lebermetasasen eines Pankreaskarzinoms oder Aderhautmelanoms), welche schon in kleinerer Fallzahl erfolgreich mit SIRT  therapiert werden konnten.

Was sind weitere Voraussetzungen für eine SIRT Therapie?
Eine SIRT Therapie kommt nur dann in Frage, wenn andere lokale oder systemische Therapien nicht mehr möglich sind oder keinen Behandlungserfolg zeigen. Hierzu gehören unter anderem die operative Entfernung des Lebertumors bzw. der Lebermetastasen, die Radiofrequenzablation und die systemische Chemotherapie. Auch sollte sich die Tumor-erkrankung auf die Leber beschränken, d.h. es sollten keine Metastasen außerhalb der Leber vorhanden und der Primärtumor erfolgreich entfernt worden sein. Im Einzelfall sind hierbei Ausnahmen möglich.

Zusätzlich muss eine ausreichende Restleberfunktion vorhanden sein; dies gilt es anhand der Laborwerte zu überprüfen.

Die Indikation zur SIRT Therapie wird von uns gemeinsam in Zusammenarbeit mit den behandelnden Onkologen und Nuklearmedizinern gestellt.

Welche Unterlagen werden zunächst benötigt?
Anhand der von Ihnen eingereichten Unterlagen wird von uns geprüft, ob die Kriterien für eine SIRT Therapie erfüllt sind. Hierzu bitten wir um Zusendung folgender Informationen:

Bei der Beschaffung dieser Unterlagen ist in der Regel der Hausarzt oder der behandelnde Onkologe behilflich.

Welche Voruntersuchungen sind erforderlich?
Sollte sich die SIRT Therapie nach Durchsicht der uns zugesandten Unterlagen als therapeutische Option herausstellen, sind weitere Voruntersuchungen notwendig, welche einen stationären Aufenthalt von 3 Tagen zur Folge haben.

Neben der Ermittlung der aktuellen Laborwerte und einer aktuellen Kernspintomographie (MRT) der Leber gehört hierzu die Durchführung einer Gefäßdarstellung (Angiographie) der Leber. Dabei wird nach örtlicher Betäubung ein Katheter bis in die Leberarterie vorge-schoben und die Gefäßversorgung der Leber dargestellt. Gefäße, die von der Leberarterie zu anderen Organen (z.B. Magen, Dünndarm etc.) ziehen und so unter Umständen für die SIRT Therapie ein Problem darstellen, können so identifiziert und mit Hilfe kleinster Metallspiralen verschlossen werden. Zusätzlich wird im Rahmen dieses „Testkatheters“ eine Testsubstanz in die Leberarterie gespritzt und so die eigentliche Therapie simuliert. Diese Testsubstanz enthält jedoch keine schädigende Strahlung und kann mit Hilfe nuklearmedizinischer Untersuchungsmethoden dargestellt werden. So kann überprüft werden, dass sich die Testsubstanz (und damit während der Therapie auch die SIRT Partikel) nur in der Leber verteilt und dass keine Verteilung der Substanz außerhalb der Leber z.B. im Magen, Dünndarm oder der Lunge vorliegt. Dieser „MAA-Testkatheter“ nimmt somit eine zentrale Rolle im Rahmen der Voruntersuchungen ein.

Wie wird die eigentliche SIRT-Therapie durchgeführt?
Sollten die ausführlichen Voruntersuchungen keine Gründe ergeben, die gegen die Therapie sprechen, erfolgt die eigentliche Behandlung nach stationärer Aufnahme auf der nuklearmedizinischen Therapiestation.

Wie schon in der MAA-Testkatheter-Untersuchung wird erneut mittels Katheter die Leberarterie dargestellt, ggf. werden - falls erforderlich - erneut Gefäßäste, die zu einem Abstrom der Partikel in Magen oder Darm führen könnten, verschlossen.

Im Anschluß werden die SIRT-Partikel langsam und portionsweise über den liegenden Katheter in die Leberarterie gespritzt. Hierbei werden wiederholt die Flussverhältnisse in der Leberarterie kontrolliert, um einen Abfluss der Partikel ausserhalb der Leber zu erkennen und zu verhindern. Nach Beendigung der Injektion wird der Katheter entfernt  und der Patient muss einige Stunden Bettruhe einhalten. In der Nuklearmedizinischen Klinik wird direkt nach der Therapie die regelrechte Verteilung der SIRT-Partikel in der Leber szintigraphisch dargestellt, um eine Verschleppung der SIRT-Partikel in andere Organe auszuschliessen.

Welche Nebenwirkungen gibt es?
In den meisten Fällen wird die Therapie gut vertragen. Kurzzeitig können bereits im Rahmen der Therapie Oberbauchschmerzen und Übelkeit sowie im weiteren Verlauf auch Fieber auftreten. Diese Nebenwirkunen sind jedoch  medikamentös gut behandelbar und klingen nach 1 bis 2 Tagen wieder ab. Müdigkeit und Appetitlosigkeit können nach der Therapie über mehrere Tage bis wenige Wochen bestehen.

Sehr selten können schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten, dies in der Regel dann, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen SIRT-Partikel in andere Organe (z.B. Magen, Darm oder Lunge) abgeflossen sind. Dadurch kann es z.B. zur Ausbildung von Magen- oder Darmgeschwüren (Strahlenulcus) oder einer strahlenbedingten Lungenentzündung (Strahlenpneumonitis) kommen. Bei reduzierter Leberfunktion kann es Wochen nach der Therapie zu einer Leberentzündung (Strahlenhepatitis) mit zeitweiliger oder bleibender Verschlechterung der Leberfunktion kommen.

Wie ist der Erfolg der SIRT Therapie?
Die bisher veröffentlichten wissenschaftlichen Studien sind überaus positiv. Es gilt jedoch zu bedenken, dass Lebenszeitverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität und nicht die Heilung das primäre Ziel der Therapie sind. Auch einzelne Patienten, bei denen Leber-tumoren soweit reduziert und anschließend mittels Operation entfernt oder mittels Radiofrequenzablation verkocht werden konnten, sollten keine Hoffnung auf Heilung der Tumorerkrankung wecken.

Welche Nachkontrollen sind erforderlich?
Auch nach der Therapie sollte weiterhin eine durchgehende Betreuung durch Ihren Onkologen erfolgen. Zusätzlich werden nach 4 bzw. 12 Wochen sowie darauffolgend alle 3 Monate nach der Therapie neben Blutkontrollen eine MRT in unserer Radiologischen Klinik zur Kontrolle des Behandlungserfolges durchgeführt. Vier Wochen nach der Therapie wird darüber hinaus eine PET-CT-Kontrolle vorgenommen.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.